Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich gehöre nicht zu denen, die „The Division Bell“, das letzte Pink-Floyd-Album aus dem Jahre 1995, in Bausch und Bogen verdammen und es gar für eins der schlechtesten der Band halten. Im Gegenteil. Ich habe das Album damals geliebt, und es lief bei mir eine Zeitlang im CD-Player rauf und runter. Viele der Songs hatten eine eigene Magie, einen Spannungsbogen, der mich faszinierte.
Auch heute bin ich der Meinung, dass die Scheibe zu unrecht völlig unterbewertet wird. Umso skeptischer war ich, als die letzten verbliebenen Mitglieder der Band, David Gilmour und Nick Mason, ein neues Album auf den Markt brachten, das in weiten Teilen aus Versatzstücken der Divison-Bell-Produktion entstand oder auf Ideen derselben fußt. Und leider, so muss ich heute sagen, haben sich die Befürchtungen bei „The Endless River“ weitgehend als begründet erwiesen.
Freilich kann, wer in der richtigen Stimmung ist, den Flow dieses bis auf eine Ausnahme aus Instrumentalstücken bestehenden Werkes durchaus genießen, die sich in sanftes Dauersäuseln ergehende und nur selten etwas übermütiger aufspielende Gitarre Gilmours in sich aufsaugen und das zurückhaltende, akzentuierte Schlagzeug von Mason bewundern. Das musikalische Handwerk und die Produktion auf dem allerneuesten technischen Stand sind top, keine Frage.
Bar nennenswerter Höhen und Tiefen
Doch am Ende des Tages erlebt der kundige Zuhörer zu oft ein Deja Vu, wird immer wieder an den Sound von „Division Bell“ erinnert, ohne dass die Songs über die Struktur und den Spannungsaufbau der besten Division-Bell-Stücke verfügen. Bar nennenswerter Höhen und Tiefen schmeicheln sich die Kompositionen (und die teilweise durch Improvisation entstandenen Stücke) in die Gehörgänge und plätschern dahin, eben wie ein „endloser Fluss“. Substanz, über die viele frühere Pink-Floyd-Alben verfügten, sucht man in diesem breit ausgewalzten, phasenweise durchaus wunderschönen, aber dennoch leicht fade schmeckenden musikalischen Nichts jedoch vergebens.

Die letzten der Mohikaner bei „Pink Floyd“: Gitarrist und Sänger David Gilmour und Nick Mason. (Foto: Harry Borden)
Diese Musik entspannt nach einem langen Arbeitstag, könnte im Aufzug oder im Supermarkt laufen, ohne dass sie stört oder bereichert die Meditations- oder Esotherikstunde. Bei aller Liebe und Hochachtung für diese großartigen Band, die zu Recht ihren Platz in der Musikgeschichte gefunden hat: Dieses Werk enthält nach fast 20 Jahren nicht eine einzige neue Idee, stattdessen allerdings unzählige Selbstzitate.
Musiker haben sich kaum weiterentwickelt
Trauriger Weise zeigt es in kreativer Hinsicht, dass sich die beteiligten Musiker in dieser langen Zeit keinen Jota weiterentwickelt haben und im großen und ganzen ihr Werk nicht auf Inspiration, sondern auf verworfenem Material aufbauten, das unökonomischer Weise noch in den Archiven schlummerte. Wenn eine so renommierte und stilbildende Band nach zwei Jahrzehnten noch einmal etwas von sich hören lässt, sollte mehr dabei herauskommen als geschmäcklerische Ambient-Musik, bei der Gitarrist Gilmour wahrhaft „endless“ allen zeigt, wie virtuos er sein Instrument bedienen kann.
Das einzige gesungene Stück der Platte, „Louder Than Words“, dessen Text Gilmours Ehefrau Polly Samson verfasste, reicht dann wieder an die Qualitäten der alten Pink Floyd heran, kann aber das schwache künstlerische Niveau des Gesamtwerkes nicht wirklich heben.
Artifizielles Kunstgewerbe
Die bittere Erkenntnis aus „The Endless River“: Eine ehemals bedeutende Band produziert artifizielles, aber letztlich hohles Kunstgewerbe, das, zumindest über weite Strecken, hervorragend zur Entspannung beim regenerativen Nickerchen in der Salzgrotte aufgelegt werden könnte. Stilistisch haben sich die beiden verbliebenen Pink-Floyd-Bandmitglieder, die mit dem ausufernden, strukturell an eine Doppel-LP angelehnten Werk eine Hommage an ihren verstorbenen Keyboarder Richard Wright produzieren wollten, in 20 Jahren keinen Zentimeter nach vorn bewegt. Den beinharten Floyd-Jüngern ist das freilich schnuppe. Sie sorgten dafür, dass das Werk in Großbritannien bereits den Foo Fighters den Rang ablief und sich auf Platz 1 der Album-Charts festsetzte.
Sollten sich Gilmour und Mason, vielleicht nach Ablauf der nächsten 20 Jahre, entscheiden, ein weiteres Album auf den Markt zu bringen, wäre es jedoch wünschenswert, auf die alten Tage mit dem einst kreativsten Kopf der Band, Roger Waters, Frieden zu schließen und das fortgeschrittene Alter zum Anlass zu nehmen, mal wieder was substantielles zu schaffen. Auf keinen Fall sollte es aber aus den Outakes der Outakes von „ The Division Bell“ bestehen.
Anspieltipp: Louder Than Words
Bewertung: 2 von 5 Punkten